Wirtschaft

TÜV NORD: Ohne Lokführer läuft trotz Bahn-Digitalisierung nichts

10.10.2022

Mit der steigenden Digitalisierung wird zunächst sogar noch mehr Personal benötigt.

TÜV NORD AGEssen: Es ist ein Dilemma: Immer mehr Güter sollen auf der Schiene transportiert und Personen befördert werden. Doch das Schienennetz wächst nicht in dem erforderlichen Tempo, und es mangelt an Triebfahrzeugführern. Kann Digitalisierung dabei helfen, das Dilemma aufzulösen?

Im Prinzip ja, denn auf digital aufgerüsteten Strecken können mehr Züge fahren als derzeit. Ist es mit der digitalen Umrüstung allein getan? „Kurz- und mittelfristig auf keinen Fall“, sagt Wolf-Jens Knust, Produktmanager bei TÜV NORD Bildung und selbst ausgebildeter Triebfahrzeugführer. „Solange es keinen vollautomatischen Vollbahn-Betrieb gibt, werden Lokführer gebraucht.“ Dieser allerdings ist Zukunftsmusik und in Deutschland aktuell gar nicht in Planung.

Die Deutsche Bahn rüstet ihre Strecken auf den Zugsicherungsstandard ETCS Level 2* auf. Auf Strecken mit diesem Zugsicherungssystem kann zwar in einem höheren Takt gefahren werden, allerdings mit Fahrpersonal. Die Deutsche Bahn erwartet, dass auf umgerüsteten Strecken 20 Prozent mehr Zugfahrten stattfinden können. Für diese Kapazitätssteigerung wird trotz oder gerade wegen der Digitalisierung also mehr Personal benötigt, nicht weniger. Bis 2030 soll rund ein Viertel des deutschen Streckennetzes mit ETCS ausgerüstet sein, das sind rund 8.000 Kilometer, bis 2040 soll das gesamte Streckennetz digitalisiert sein; das Teilziel für 2023 heißt 1.800 Kilometer.

Aktuell finden täglich rund 40.000 Zugfahrten in Deutschland statt, für die es rund 37.000 Lokführer und Lokführerinnen bei Eisenbahn-Verkehrsunternehmen gibt, Tendenz steigend, doch zu langsam: „Nach heutigem Stand würden 2030, legt man die Erwartung der Deutschen Bahn zugrunde, rund 1.900 Zugfahrten mehr als heute stattfinden können“, erklärt Wolf-Jens Knust; bis zur vollständigen Digitalisierung 2040 wären das 7.600. Für diese Züge brauche es Personal. „Nicht nur diese Menschen fehlen, schon heute haben wir einen Mangel beim Fahrpersonal, und es gehen mehr Lokführer in Rente als neue einsteigen“, fasst Knust die Lage zusammen. „Auch wenn Digitalisierung häufig mit der Angst um den Verlust von Arbeitsplätzen verbunden wird: Bei Lokführerinnen und Lokführern ist das definitiv nicht so.“ Deshalb empfiehlt er allen Interessierten am Lokführerberuf, sich bei Eisenbahnunternehmen, Schulungsanbietern und Jobcentern nach Einstiegsmöglichkeiten zu erkundigen.

* ECTS Level 2: Fahrzeug und Zugsicherungszentrale stehen in ständigem Kontakt miteinander. Das System leistet ähnliches wie das zurzeit gängige Linienzugbeeinflussungssystem, kommt jedoch ohne streckenseitige Signale aus. Die Einführung eines höheren Levels ist derzeit nicht geplant.

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(Pressemeldung vom 21.09.2022)
Quelle: TÜV NORD AG | Foto: TÜV NORD AG
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