Wissenschaft

Raumtransporter ATV-5 erfolgreich von der ISS abgekoppelt und zum letzten Abschnitt seiner Mission gestartet

16.02.2015

Bremen: Der europäische Raumtransporter ATV "Georges Lemaître" (Automated Transfer Vehicle) hat die Internationale Raumstation (ISS) am 14. Februar 2015 verlassen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ATV-5 mehr als 200 Tage im Weltraum und kann damit den längsten Aufenthalt aller ATVs im All aufweisen. Gefüllt mit 2,5 Tonnen Abfall - Abwasser, trockenem Abfall und nicht mehr benötigter Ausrüstung - macht sich das letzte ATV auf den Weg in Richtung Erde. Der kontrollierte Wiedereintritt in die Erdatmosphäre soll am nächsten Tag stattfinden. Airbus Defence and Space, das zweitgrößte Raumfahrtunternehmen der Welt, ist Hauptauftragnehmer der Europäischen Weltraumorganisation ESA für das ATV-Programm.

„Mit ATV-5 endet die seit 2008 andauernde Erfolgsgeschichte des komplexesten Raumfahrzeugs, das jemals in Europa entwickelt und gebaut wurde. Aber die einzigartige ATV-Technologie wird nicht mit dem Wiedereintritt von ‘Georges Lemaître’ verglühen, sondern eine Vielzahl von neuen Raumfahrtprojekten zum Leben erwecken,“ sagte Francois Auque, Leiter von Space Systems. "Nur durch die beispiellose europäische und internationale Zusammenarbeit in den letzten zwei Jahrzehnten war dieser Erfolg möglich. Diese Kooperation und die weltweit führende Technologie von ATV wird in Zukunft mit dem Orion-Programm fortbestehen, das Astronauten in den Erdorbit und darüber hinaus bringen wird – dies ist eine echte Auszeichnung für alle, die an diesem fantastischen Programm mitgearbeitet haben."

ATV ist der größte und komplexeste Raumfrachter, der jemals in Europa gebaut wurde und sich durch Flexibilität und Präzision auszeichnet. So war es beispielsweise möglich, Nutzlasten bis zu 20 Tage vor dem Start zu laden. Mit dieser so genannten "Late Cargo" konnten Materialien quasi bis zum letzten Zeitpunkt noch geladen werden. Auch in Sachen Präzision gehört ATV zu den besten Versorgungsfahrzeugen. Der Raumtransporter funktioniert hochgradig eigenständig, kann selbständig navigieren und seine Rendezvousfunktion steuern – und das bei einer Genauigkeit, die geringer als die Größe einer 1 Euro-Münze ist. So berührten weder ATV ‘George Lemaître’ noch ATV "Albert Einstein" während des Andockvorgangs nicht einmal den Andocktrichter der ISS, mit dem sonst weniger präzise Raumfahrzeuge ins Ziel gelenkt werden. Und das in einer Höhe von rund 400 Kilometern und damit 30 Mal höher als die Reiseflughöhe eines Passagierflugzeugs und bei einer Geschwindigkeit von 28.000 km/h. nicht einmal den Andocktrichter, mit dem weniger präzise Raumfahrzeuge ins Ziel gelenkt werden. Die Astronauten haben das Ankoppeln noch nicht einmal gehört.

Die Triebwerke des zweiten ATV "Johannes Kepler" – jeder Raumfrachter hat vier Haupttriebwerke und 28 kleinere Triebwerke für Brems- und Lageregelungsmanöver - erreichten die stärkste Bahnanhebung in der Geschichte der ISS: 40 Kilometer auf einen Schlag – und führten insgesamt 40 Reboost-Manöver durch.

Ein ATV ist so groß, dass ein Londoner Doppeldecker-Bus darin Platz hätte. Insgesamt knapp 32 Tonnen Nutzlast haben die fünf Raumtransportern seit 2008 zur ISS gebracht. Darunter Wasser, Gas, Treibstoff, Kleidung, Nahrungsmittel, Ausrüstungsgegenstände und Experimente für die Wissenschaftler. Jedes ATV hatte auch ganz individuell gefüllte Taschen an Bord: von Parmesankäse über Tiramisu bis zu Käsespätzle wurden die speziellen Wünsche der Astronauten erfüllt. Mit jeweils über 20 Tonnen Startgewicht waren die Raumtransporter auch für die europäische Trägerrakete Ariane 5 eine Herausforderung. Den Rekord als schwerste Ariane-Nutzlast hält mit 20,3 Tonnen ATV-5 "Georges Lemaître".

Mit dem Ende des ATV-Programms beginnt gleichzeitig eine neue Ära. So entwickelt Airbus Defence and Space im Auftrag der ESA das Servicemodul für das bemannte amerikanische Raumschiff "Orion". Zu einem großen Teil basiert es auf der ATV-Technologie. Das Servicemodul wird "Orion" mit Antriebskraft, Energie sowie für die zukünftigen bemannten Missionen mit Sauerstoff, Stickstoff und Wasser versorgen.

Auch das Wissen, das bei der Entwicklung des autonomen Rendezvous und Dockings erworben wurde, könnte beispielsweise beim "Einfangen" von nicht steuerbaren Objekten wie Weltraumschrott oder Asteroiden eingesetzt werden. Diese Technologie ist auch beim selbständigen und sicheren Landen auf fremden Planeten einsetzbar. (Pressemeldung vom 16.02.2015)

Quelle: Airbus Defence and Space | Foto: Airbus DS, © F. Lancelot
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