Gesellschaft

Politik muss Fleischwende jetzt einleiten

09.05.2021

Heinrich-Böll-Stiftung e.V.Berlin: Statement  - So wie die Fleischindustrie funktioniert, kann sie nicht weiterbestehen. Wenn wir die Klima und Biodiversitätsversprechen an die nächste Generation ernst meinen, brauchen wir dringend eine Fleischwende - einen Ausstieg aus der desaströsen industriellen Fleischproduktion mit all ihren Folgen.

Politik muss Fleischwende jetzt einleiten
Wir präsentieren Ihnen heute nach drei Jahren das erste Mal wieder einen Fleischatlas  mit neuen Daten und Fakten. Den ersten haben wir im Januar 2013 veröffentlicht.

Warum immer wieder das Thema Fleisch?

  • Weil die globale Nachfrage nach Fleisch leider ungebrochen ist und gleichzeitig kein anderes Lebensmittel in seiner gesamten Produktionskette so gravierende Auswirkungen auf den Klimawandel, auf den Verlust von Biodiversität, auf die Gewässerverschmutzung  und Wasserqualität hat.
  • Weil die Fleischproduktion zu einem guten Teil für das Insektensterben und für die großflächige Zerstörung von Ökosystemen verantwortlich ist
  • Die Billigfleischproduktion lässt Milliarden Tiere wegen gravierender Haltungsbedingungen leiden.
  • Tausende Menschen werden wegen des Futtermittelanbaus von ihrem Land vertrieben,
  • Arbeiter*innen in den Schlachthöfen werden ausgebeutet und zu inhumanen Bedingungen untergebracht.
  • Die industrielle Fleischproduktion ist zudem - wie die intensive Nutzung von Antibiotika und auch die Corona Pandemie zeigen - eine Bedrohung für die globale Gesundheit.

Das alles kritisieren wir seit Jahren. Daten und Fakten liegen vor. Die Zivilgesellschaft und immer mehr Wissenschaftler*innen drängen auf einen schnellen und radikalen Umbau - auf eine Fleischwende.

Aber die Politik handelt nicht.

Nicht in Deutschland oder irgendwo sonst: Es gibt kein Land der Welt und auch keine UN-Organisation, die eine umfassende Strategie hat und anwendet, um den Fleischkonsum und die Produktion auf ein gesundheitlich und ökologisch unbedenkliches Maß zu reduzieren.

Schon heute werden weltweit etwa 325 Millionen Tonnen Fleisch produziert. Wird nicht gegengesteuert, werden es im Jahr 2029 knapp 360 Millionen Tonnen Fleisch sein.

Der Pro Kopf Fleischkonsum ist dabei regional und sozial sehr ungleich verteilt: In Ländern wie USA und Australien liegt er bei 100 kg pro Kopf, in Deutschland bei rund 60 kg, in Afrika hingegen nur bei 17 kg pro Kopf, mit leicht steigender Tendenz. Asien ist der große Wachstumsmarkt – in China werden inzwischen über 50 kg pro Person und Jahr gegessen.

Nun ein paar paar Daten und Fakten, die  zeigen, warum wir dringend eine Fleischwende brauchen, wenn wir die Klima- und Biodiversitätsziele erreichen und ein klares Signal für den  UN-Ernährungsgipfel in 2021 senden wollen:

Erstens – Fleischproduktion Klimawandel:
Alle wissen um die verheerende Klimabilanz der Fleischproduktion. 14 Prozent trägt der Sektor derzeit zu den klimaschädlichen Gasen bei.

Ein Vergleich: die fünf größten Fleisch- und Milchkonzerne emittieren etwa genauso viele klimaschädliche Gase wie Exxon, der größte Öl-Multi der Welt.

Der Unterschied: Sogar Exxon hat eine Klimastrategie - die Fleischindustrie nicht. Ihre Emissionen werden mit zunehmender Produktion weiter wachsen.

Zweitens: Futtermittel
Weltweit werden mehr als 75 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzflächen für die Tierproduktion verwendet: sowohl als Weiden wie auch in immer größerem Maße für die Produktion von Futtermitteln auf dem Acker.

Das Problem: Damit fallen  auch in immer größerem Umfang Flächen für die unmittelbare Nahrungsproduktion weg.

Mehr als 60 Prozent des weltweit produzierten Maises essen nicht wir Menschen, sondern Tiere, fast genauso hoch ist die Zahl bei den Öl-Saaten. Unter diese Kategorie fallen beispielsweise Raps und vor allem Soja.

Soja ist DER wichtigste Proteinlieferant der industriellen Mast.

Fast 90 Prozent des weltweit angebauten Sojas landen im Futtertrog. Es wird inzwischen auf 125 Millionen Hektar angebaut. Das ist eine Fläche, die mehr als 3 Mal so groß ist wie die Fläche der Bundesrepublik Deutschland.

Verheerenderweise wird Soja gerade auf den artenreichsten Flächen der Welt besonders extensiv angebaut: im Amazonasgebiet und dem Cerrado in Brasilien. Wir opfern die artenreichsten Flächen der Welt für unseren Hunger auf billiges Fleisch.  

Pestizide:
Die Futtermittelproduktion – vor allem Soja – ist direkt mit einem übermäßig und stetig steigenden Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln verbunden.

Die USA, Brasilien und Argentinien – die weltweit  größten Soja Produzenten -  nutzen zusammen fast 70 Prozent der weltweit angewendeten Unkrautvernichtungsmittel.

Davon profitieren die großen Agrarchemiekonzerne. Die fünf Konzerne - Syngenta mit Sitz in der Schweiz und Bayer und BASF aus Deutschland sowie Corteva und FMC aus den USA. Sie kontrollieren mehr als 70 Prozent des globalen Pestizidmarktes.

Über 50 Prozent der Pestizide, die im Sojaanbau verwendet werden, werden als hochgefährlich eingestuft.

Brasilien ist der größte Importeur von Pestiziden weltweit.  Dort sind 246 glyphosathaltige Pestizide zugelassen. Zwei Drittel der als hochgefährlich eingestuften Pestizide werden in Brasilien im Sojaanbau eingesetzt.

Auch Bayer exportiert diese hochgefährlichen Pestizide, von denen einige in der EU gar nicht mehr wegen ihrer Bienengefährlichkeit angewendet werden dürfen, in alle Welt. Sie machen bis zu 37 Prozent des Bayer-Umsatzes aus.

Das muss sich grundlegend ändern – und zwar schnell!

Deutschland hat sich dem Schutz der Biodiversität verpflichtet. Wir fordern daher, dass Pestizide, die in der EU aufgrund ihrer negativen Wirkung auf Umwelt oder Menschen nicht mehr angewendet werden dürfen, von deutschen Unternehmen auch nicht mehr produziert und exportiert werden dürfen. Es kann nicht sein, dass für Menschen und Umwelt in anderen Ländern andere Gesundheits- und Sicherheitskriterien gelten sollen, und deutsche Agrarchemiekonzerne aus der unverantwortlichen Zerstörung der Biodiversität und der massiven Gesundheitsgefährdung massiv Profit schlagen.

Politische Bewertung
Dass gegen den Hunger auf billiges Fleisch nicht gegengesteuert wird ist ein fundamentales politisches Versagen. Deutschland ist innerhalb der EU mit 8.6 Millionen Tonnen pro Jahr der größte Fleischproduzent und die EU mit etwas unter 50 Millionen Tonnen nach China (80 MIO Tonnen) der zweitgrößte Fleischproduzent der Welt.

Unsere Regierung tut gern so, als wäre Deutschland Vorreiter im Kampf gegen die ökologischen Krisen dieser Welt. Die Politik unseres Agrarministeriums belehrt uns eines Besseren: Nicht klima- und biodiversitätsfreundliche Politik stehen im Mittelpunkt, sondern alte Seilschaften der Agrarindustrie werden geschützt und bedient. Mutige Schritte zum Umbau sind nicht in Sicht. Das ist nicht zukunftstauglich.

Uns hat in diesem Fleischatlas 2021 interessiert, wie die junge Generation – die sich ja vielfach sehr für Klima und Umweltschutz einsetzt- die Beharrungskräfte der Fleischindustrie bewertet, welche eigenen Konsumstile sie hat und welche Forderungen sie an die Politik stellt.

Jugendumfrage:
Um das genauer zu verstehen haben wir eine repräsentative Umfrage mit der Universität Göttingen und dem Team um Prof. Achim Spiller bei der Altersgruppe der 15 bis 29jährigen durchgeführt. Die Ergebnisse sind vielfältig und spannend!

Lassen Sie mich die aus meiner Sicht zentralen Punkte zusammenfassen:

  1. 40 Prozent der jungen Menschen geben an, wenig Fleisch zu essen. 25 Prozent bezeichnen sich als Flexitarier, 13 Prozent ernähren sich vegetarisch oder vegan. Das sind doppelt so viele wie im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.
  2. 70 Prozent sagen, dass sie die Fleischindustrie nicht unterstützen wollen und ebenso viele geben an, dass sie insbesondere die Arbeitsbedingungen in den Schlachthöfen abstoßen. Das sagen explizit auch über 60 Prozent der fleischessenden Menschen.
  3. Besonders am Herzen lag den Befragten die Verschwendung von Lebensmitteln. Sie fordern, dass „Containern“ nicht länger verboten ist. Eine sehr verständliche Forderung, schauen wir uns die schiere Menge an Fleisch an, die jedes Jahr weggeworfen wird:
    Der Fleischatlas stellt auf Seite 41 dar, dass -umgerechnet in ganze Tiere- allein in Privathaushalten jedes Jahr knapp 9 Mio Hühner,

640 000 Schweine und 50.000 Rinder im Abfall landen.

Wir brauchen einen wertschätzenden Umgang mit dem wertvollen Lebensmittel „Fleisch“.

4. Doch das wichtigste Ergebnis der Umfrage: Der größte Teil der jungen Befragten sieht eindeutig den Staat in der Pflicht. Sie fordern klare Regeln, Anreize und Gesetze. Mehr als 70 Prozent der jungen Befragten sprechen sich für einen aktiven Staat aus.

Die Botschaft ist klar:
So wie die Fleischindustrie funktioniert, kann sie nicht weiterbestehen. Wenn wir die Klima und Biodiversitätsversprechen an die nächste Generation ernst meinen, brauchen wir dringend eine Fleischwende - einen Ausstieg aus der desaströsen industriellen Fleischproduktion mit all ihren Folgen.

Die Politik muss jetzt den Rahmen für einen grundlegenden Umbau der Fleischproduktion setzen und gezielte Strategien für einen Verbrauchsrückgang um mindestens die Hälfte anwenden. Die Politik kann und muss Bürgerinnen und Bürger darin unterstützen, ihren Fleischkonsum zu reduzieren und gleichzeitig die Produktion auf mehr Qualität und Tierschutz zu orientieren. Weniger und besser muss die Leitidee sein.

Im Jahr 2021 wird zum ersten Mal einen großen Ernährungsgipfel der UNO stattfinden. Noch immer hungern mehr als 690 Millionen Menschen weltweit – viele davon leben auf dem Land. In Folge der Covid-Krise geht die UN davon aus, dass es noch mal 83 bis 132 Millionen Menschen mehr werden könnten. Die industrielle Fleisch- und Futterproduktion verschärft ihre Lebenssituation. Daher sollte das Jahr des Ernährungsgipfels das Jahr sein, eine ambitionierte Fleischwende einzuleiten.

Stament Barbara Unmüßig vom 8. Januar 2021

(Pressemeldung vom 08.01.2021)
Quelle: Heinrich-Böll-Stiftung e.V. | Foto: Heinrich-Böll-Stiftung e.V.
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