Gesellschaft

Hertie School: Berggruen Governance Index: Lebensqualität und gute Regierungsführung verbessern sich weltweit

02.10.2022

Hertie School of Governance gGmbHBerlin: Die Qualität der Regierungsführung und die Lebensqualität haben sich in den vergangenen knapp 20 Jahren weltweit verbessert. Dies ist ein Kernergebnis des Berggruen Governance Index 2022. Dabei gehört die Region Afrika insgesamt zu den größten Aufsteigern: Hier sind die größten Verbesserungen in puncto Lebensqualität, guter Regierungsführung und Demokratiequalität messbar. Parallel haben sich die Werte in keinem der großen Industrieländer seit 2000 so verschlechtert wie in den USA. Das einstige Musterland steuert bei vielen Indikatoren in Richtung Mittelmaß. Der Berggruen Governance Index untersucht hierbei die Qualität guter Regierungsführung, die Lebensqualität und den Zustand der Demokratie für 134 Länder zwischen 2000 und 2019. Am Freitagabend wird der Index erstmals in Deutschland an der Hertie School vorgestellt.

„Die Ergebnisse zeigen, dass der Abgesang auf Demokratie und verantwortungsvolle Regierungsführung verfrüht ist. Obwohl besonders Demokratien weltweit unter Druck stehen, zeigt der Index, dass Lebensqualität, gute Regierungsführung und Demokratie Hand in Hand gehen. Auch die Lebensqua-lität hat sich mit Blick auf die Bereitstellung öffentlicher Güter wie Bildung und Gesundheitsversor-gung in den vergangenen 20 Jahren weltweit verbessert“, sagt Helmut K. Anheier, Professor für Soziologie an der Hertie School sowie Hauptautor des Indexes.
 

Afrika: Aufholen, ohne einzuholen

Viele Länder Afrikas gehören zu Erfolgsgeschichten der Untersuchung: In puncto Lebensqualität lie-gen die zehn Länder mit den größten Verbesserungen im Index alle auf dem afrikanischen Kontinent. Dazu zählen unter anderem Kenia, Äthiopien oder Uganda. Auch bei der Entwicklung von guter Regierungsführung, wozu die Autor:innen u.a. die Fähigkeit eines Staates zählen, Regeln umzusetzen oder mithilfe der Verwaltung auf Herausforderungen wie eine Pandemie oder Naturkatastrophen zu reagieren, zeigen die afrikanischen Länder eine positive Entwicklung. Tunesien, aber auch Gambia und Kenia gehören zu den Top-Ten-Ländern, die sich am stärksten verbessert haben. Auch beim Indikator der Demokratiequalität sticht Afrika heraus: Nur in dieser Region haben sich Indikatoren zur Messung von Demokratie signifikant verbessert. Im absoluten Vergleich liegen die afrikanischen Staaten dennoch in allen drei Kategorien meist deutlich hinter den Ländern Europas oder auch Asiens.
 

USA: Riese auf tönernen Füßen

Spiegelbildlich zur positiven Entwicklung Afrikas weisen die USA deutliche Rückschritte auf. Hier zeichnen die Autor:innen ein ernüchterndes Bild: „Die USA liegen immer noch in vielen Kategorien an erster Stelle, aber der klare Trend zeigt nach unten. Das ist bedenklich für eine der größten Demokratien mit Vorbildcharakter“, so Helmut K. Anheier. Die USA sind laut Index die einzige der großen westlichen Demokratien, in denen sowohl die Daten für gute Regierungsführung und für die Qualität der Demokratie erheblich gelitten haben. In beiden Fällen zeigt der Trend für die USA in Rich-tung Mittelmaß. Gründe hierfür seien unter anderem die Verschlechterung der Gesundheitsversor-gung oder die Lückenhaftigkeit bei der Erhebung von Steuern, so die Autor:innen.
 

Deutschland: Eine der leistungsstärksten Demokratien weltweit

Europa gehört insgesamt zu den bestplatzierten Regionen weltweit, wobei Deutschland häufig in der Spitzengruppe rangiert. In allen drei untersuchten Dimensionen des Indexes steht Deutschland unter den Top Fünf von allen 134 untersuchten Ländern (Stand 2019): Die Lebensqualität hierzu-lande rangiert an vierter Stelle, ebenso gut schneidet Deutschland bei der Regierungsführung ab. Die Demokratiequalität hierzulande ist laut Index fast Weltspitze und wird nur von Dänemark über-troffen. „Die teils lautstarke Kritik an unserer Demokratie ist deutlich übertrieben. Kaum ein Land erfüllt aktuell so mustergültig demokratische Standards wie die Bundesrepublik“, so Anheier.

Zu den Erfolgsgeschichten in Europa gehören auch die baltischen Staaten, die sich in allen drei Dimensionen seit 2000 signifikant verbessert haben. Auf der anderen Seite beobachten die Autor:innen in Europa einen „Deckelungseffekt“: Aufgrund der allgemein hohen Qualität von Demokratie und Lebensqualität bleiben signifikante Verbesserungen aus. Einige Länder in Süd- und Osteuropa geben allerdings Anlass zur Sorge: Während Ungarn und Polen bei der Demokratiequalität signifi-kant verloren haben, liegen zum Beispiel die EU-Staaten Rumänien oder Bulgarien deutlich hinter dem EU-Durchschnitt für Lebensqualität oder guter Regierungsführung.
 

Demokratie allein ist nur ein Anfang

Die Ergebnisse geben auch Aufschluss zur Debatte, ob Demokratie allein ausreicht, um die Lebensqualität in einem Land zu erhöhen, oder ob sich dies besser durch ein autokratisches System erreichen ließe. „Diese Frage lässt sich mit einem klaren Jein beantworten“, so Anheier. Der demokratische Fehlschluss sei der, dass ohne eine kurzfristige Erhöhung der Staatskapazität, eine bessere Lebensqualität kaum erreichbar ist. Daher fallen solche Staaten leicht in ein autokratisches Muster zurück. Die Türkei oder auch Russland stehen als Beispiele dafür, wie anfängliche Demokratieprinzipien zugunsten eines überwachenden Staatsapparates wieder zurückgedrängt wurden, so Anheier. Der autokratische Fehlschluss liege hingegen darin, dass ab einer gewissen Entwicklungsstufe, der Regierung wichtige Information und Signale zur Prioritätensetzung aus der Bevölkerung fehlen, sodass eine Entkopplung von Staat und Gesellschaft entsteht, die zu Stagnation und Instabilität führen kann. Die aktuellen Bilder aus dem Iran sind ein Beweis dafür, wie ein autokratisches System Stimme unterdrückt, die sich beispielsweise für mehr Frauenrechte einsetzen, wodurch eine Frustration und Anspannung entsteht, die sich irgendwann in Protesten entlädt.

Der Berggruen Governance Index ist ein Gemeinschaftsprojekt des Berggruen Instituts und der Universität von Kalifornien in Los Angeles (UCLA). Prof. Dr. Helmut K. Anheier, Professor für Soziologie an der Hertie School, ist wissenschaftlicher Leiter und Berater des Indexes.  Der Bergruen Governance Index untersucht den Zustand von Demokratie, Regierungsführung und Lebensqualität in 134 Staaten zwischen 2000 und 2019. Er gibt Aufschluss darüber, wie Staaten ihr Land regieren und wie sie mit Herausforderungen in der öffentlichen Verwaltung umgehen. Als weltweit erster Index fokussiert sich der Index auf den positiven Kreislauf zwischen guter Regierungsführung (State Capacity), der Lebensqualität (Provision of Public Goods) und dem Zustand der Demokratie (Democratic Accountability). Die Ergebnisse des Index wurden im Juni erstmal in Los Angeles vorgestellt. Die dem Index zugrundeliegenden Daten stammen von den Vereinten Nationen, Forschungseinrichtungen und öffentlichen Statistikämtern.
 

Weiterführende Materialien (in englischer Sprache)Eine Executive Summary finden Sie hier. –  Hier geht es zum Gesamtbericht.
 
Die Hertie School in Berlin bereitet herausragend qualifizierte junge Menschen auf Führungsaufgaben im öffentlichen Bereich, in der Privatwirtschaft und der Zivilgesellschaft vor. Sie bietet Masterstudiengänge, Executive Education und Doktorandenprogramme an. Als universitäre Hochschule mit interdisziplinärer und praxisorientierter Lehre, hochklassiger Forschung und einem weltweiten Netzwerk setzt sich die Hertie School auch in der öffentlichen Debatte für „Good Governance" und moderne Staatlichkeit ein. Die Hertie School wurde 2003 von der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung gegründet und wird seither maßgeblich von ihr getragen. Sie ist staatlich anerkannt und vom Wissenschaftsrat akkreditiert.

(Pressemeldung vom 30.09.2022)
Quelle: Hertie School | Foto: Hertie School
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