Gesellschaft

Hamburger Kunsthalle: Lichtwark revisited - Künstler sehen Hamburg

23.08.2014

Hamburger Kunsthalle Hamburg: Im Jahr 2014 jährt sich zum 100. Mal der Todestag des ersten Direktors der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark (1852 - 1914). Eine der weitblickendsten Ideen Alfred Lichtwarks war es, Künstler nach Hamburg einzuladen, um vor Ort Landschaften und Portraits anfertigen zu lassen und diese dann in die Sammlung der Kunsthalle aufzunehmen.

Hamburger Kunsthalle: Lichtwark revisited - Künstler sehen HamburgLichtwark, der seit 1886 Direktor war, hatte frühzeitig erkannt, dass die Stadt Hamburg für junge, zu seiner Zeit moderne Künstler als Bildmotiv von großem Interesse sein konnte. Da er dem Kunstpublikum in Hamburg zeitgenössische Kunstvermitteln wollte, gründete er bereits 1889 die Sammlung von Bildern aus Hamburg und erteilte zunächst jüngeren Malern aus Hamburg und später Künstlern aus ganz Deutschland und dem Ausland Aufträge. Auftragswerke bestellte Lichtwark u. a. bei den Hamburger Künstlern Ernst Eitner und Arthur Illies, bei führenden deutschen Künstlern wie Max Liebermann, Lovis Corinth und Max Slevogt und auch bei Künstlern aus Frankreich, wie den Postimpressionisten Pierre Bonnard und Edouard Vuillard. So verbrachten Édouard Vuillard und Pierre Bonnard 1913 einige Wochen in Hamburg. Die in dieser Zeit entstandenen Gemälde wie Bonnards Abend am Uhlenhorster Fährhaus (1913) oder Vuillards Blick auf die Binnenalster (1913) gehören heute zu den bedeutendsten Werken der Hamburger Kunsthalle.

Foto: Jill Baroff (*1954) Tide Drawing: Hamburg (autumn), 2013 - Tinte auf japanischem Gampi Papier, 116 x 116 cm, © Courtesy Galerie Christian Lethert, Köln

„Lichtwark revisited" greift diesen Gedanken Lichtwarks auf: Die Kunsthalle lädt sechs renommierte Künstlerinnen und Künstler ein, Werke zu schaffen, die sich mit Hamburg auseinandersetzen. Mit den neu entstandenen Werken wird die Geschichte der Sammlung von Bildern aus Hamburg fortgeschrieben. Einige der Künstler waren bereits mit Hamburg vertraut, andere führte das Projekt zum ersten Mal in die Stadt. 100 Jahre nach Alfred Lichtwark, der sich bei den Auftragswerken vor allem auf die Malerei konzentrierte, gehören nun Medien wie Photographie, Film, Installation und Graphik zu den künstlerischen Ausdrucksmitteln.

Präsentiert werden die neuen Arbeiten im Dialog mit den Werken, die von Alfred Lichtwark in Auftrag gegeben wurden. Dabei interessiert die Frage, wie sich der Blick auf Hamburg verändert hat und wie Künstlerinnen und Künstler die Stadt heute wahrnehmen.

Die New Yorker Künstlerin Jill Baroff (*1954) beschäftigt sich in ihren Zeichnungen mit den Phänomenen und Systemen von Zeitund Raum. Für die Ausstellung hat sie eine Serie produziert, die sich mit dem Rhythmus des Wasserstands der Elbe auseinandersetzt. Für ihre Tide Drawings Hamburg hat sie im letzten Jahr die Wasserstände an der Elbmündung von Cuxhaven über das Internet verfolgt.

Julius von Bismarck (*1983) widmet sich inseiner Installation Hoch und Runter und in seinem Film Den Himmel muss man sich wegdenken dem Thema der Seefahrt, der Begegnung von Mensch und Meer. Einzeln betrachtet wirken die beiden Arbeiten kontemplativ. Zusammengesehen führen sie dem Betrachter die eigene Ohnmacht angesichts des gewaltigen Ozeans vor Augen. Der Berliner Künstler greift damit ein klassisches Motiv der Romantik auf. Durch die Verwendung eines alten, abgenutzten Bootes in seiner Installation verknüpft von Bismarck das romantische Sujet jedoch mit der heutigen, mitunter gnadenlosen Realität.

Michaela Melián (*1956) beschäftigt sich in ihrer Installation mit den Grindelhochhäusern. In Reeducation nimmt sie die Idee des klassischen Panoramas auf: Sie projiziert auf die mit Stoff bespannte Kreisform Zeichnungen, die sie nach historischen und aktuellen Abbildungen der Hochhäuser und ihrer Umgebung gemacht hat. Mit dem Titel ihrer Rauminstallation spielt sie einerseits auf die von den Alliierten angestrebte politische Umerziehung nach dem Ende des Nationalsozialismus an. Andererseits steht der Begriff aber auch für die Idee der Architekten, eine bis dahin nicht realisierte Form des modernen sozialen Wohnungsbaus umzusetzen.
Jorinde Voigt (*1977) setzt sich in ihren graphischen Arbeiten mit Alfred Lichtwarks 1898 verfassten Übungen in der Betrachtung von Kunstwerken auseinander und überführt diese in eine Matrix von zehn Zeichnungen. Die vor allem für Kinder entwickelten Übungen vor Originalen sollten – so Lichtwark – einer frühen „Schulung des Auges" dienen.

Adrian Williams (*1979) nähert sich in ihren Bild-Text-Collagen der Stadt über Geschichten an, die sich zwischen Realitätund Fiktion bewegen und dem Betrachter oft unbemerkte Phänomene vor Augen führen. In ihren Arbeiten vermeidet sie die stereotypen Bilder von Hamburg, reagiert stattdessen auf die alltägliche Wirklichkeit. Die Photographien und Geschichten ihrer Collagen entstehen im Vorübergehen, beim Flanieren durch die Stadt.

Tobias Zielony (*1973) beschäftigt sich in seiner Videoinstallation mit der Flucht über das Meer als einem Kapitel einer Geschichte der modernen Seefahrt. Im Zentrum der Arbeit steht das Interview mit einem sudanesischen Flüchtling, der von seiner Überfahrt von Afrika nach Europa berichtet. Begleitet wird das Interview von verschiedenen Motiven aus Hamburg. Ausgehend von dem Graffiti like real boatpeople. dislike maritime marketing befragt der Berliner Künstler Hamburg als Sehnsuchtsort.

Wie zu Lichtwarks Zeiten besteht auch heute der Wunsch die in Hamburg entstandenen Kunstwerke für die Sammlung der Hamburger Kunsthalle zu erwerben und die Idee der Sammlung von Bildern aus Hamburg fortzuführen.
Kuratorinnen: Dr. Ute Haug, Merle Radtke, M.A. und Dr. Petra Roettig (Pressemeldung vom 23.08.2014)

Quelle: Hamburger Kunsthalle | Foto: Hamburger Kunsthalle, © Courtesy Galerie Christian Lethert, Köln
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