Wirtschaft
Amerikanisches Kapital für deutsche Reeder?
Mittwoch, der 17.August 2011
Amerikanisches Kapital für deutsche Reeder?
Hamburg: Steht das KG-Modell zur Schiffsfinanzierung vor dem Aus? Ist die Kommanditgesellschaft (KG), bei der viele private Anleger Eigenkapital in Schiffsbeteiligungen investieren, überhaupt noch zeitgemäß? Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise werden diese Fragen in Fachkreisen gerade in den letzten beiden Jahren immer häufiger diskutiert: „Das deutsche Modell zur Finanzierung von Schiffen über geschlossene Fonds steht auf dem Prüfstand und wird sich im Wettbewerb mit anderen Finanzierungsformen neu beweisen müssen“, sagt Dr. Dirk Lammerskötter, Mitglied der Geschäftsleitung der HSH Corporate Finance. „Bei vielen Reedereien werden derzeit alternative Eigenkapitalquellen geprüft, da die alten Modelle in letzter Zeit an Wettbewerbsfähigkeit verloren haben“, berichtet der Schifffahrtsexperte. 
 
„Seit 2009, dem Höhepunkt der weltweiten Schifffahrtskrise, steigt das Interesse vor allem amerikanischer Private Equity-Gesellschaften an deutschen Schiffen“, berichtet Dirk Lammerskötter aus seinen Gesprächen mit US-Investoren und sieht darin eine aussichtsreiche Finanzierungsalternative. Gerade die Containerschifffahrt sei dabei ein interessantes Segment für Private Equity (PE): „Dem Containersegment trauen die US-Investoren ein überproportionales Wachstum zu. Sie erhoffen sich von den deutschen Reedereien Zugang zu den großen Liniengesellschaften und setzen auf eine starke Erfolgspartizipation“, weiß Lammerskötter. Der Corporate Finance-Experte ist überzeugt: „Der Einstieg amerikanischer Private Equity-Gesellschaften bietet den deutschen Reedern eine Finanzierungsalternative zu den bisherigen Modellen, diese hat allerdings auch ihren Preis. Für größere Reedereien kann es sich dennoch auszahlen, einen US-Investor als Sparringspartner mit ins Boot zu holen.“
 
Bislang dominierte in Deutschland das so genannte KG-Modell zur Schiffsfinanzierung. Rund 440.000 Privatanleger sind laut Branchenverband VGF über geschlossene Fonds an deutschen KG Schiffen als Kommanditisten beteiligt. Seit 2009 sind allerdings immer weniger Investoren bereit, das Risiko einer unternehmerischen Beteiligung einzugehen. Der Markt für geschlossene Schiffsfonds hat sein altes Niveau bis heute nicht erreicht – für viele Reedereien hat sich daraus eine erhebliche Finanzierungslücke entwickelt. Zudem ist Fremdkapital aufgrund der strengeren Eigenkapitalvorschriften, denen die Banken Folge leisten müssen, für die deutschen Schifffahrtsgesellschaften deutlich teurer geworden, ein höherer Eigenkapitalanteil wird somit immer wichtiger. Chinesische Reeder profitieren hingegen von den günstigeren Kreditkonditionen der staatlich geförderten Banken: Ein Nachteil für die Wettbewerbsfähigkeit von europäischen Schiffen. Allerdings verfügen die chinesischen Banken bisher noch nicht über das Know-how, die Netzwerke und die langjährige Erfahrung europäischer Schiffsfinanziers.
 
Fall Beluga: Für US-Investoren nicht repräsentativ
„Das zunehmende Engagement amerikanischer Private Equity- Gesellschaften steht zwar aktuell noch ganz am Anfang, könnte aber schon mittelfristig zum Zukunftsmodell avancieren“, sagt Dirk Lammerskötter. „US-Amerikanisches Private Equity ist in Europa bereits investiert, allerdings vor allem bei griechischen Schifffahrtsgesellschaften wie beispielsweise Euroseas. Das Negativbeispiel Beluga“, ergänzt Lammerskötter, „ist aus Sicht der US-Investoren keinesfalls repräsentativ und wird als Einzelfall angesehen. Das Interesse an deutschen Schifffahrtsgesellschaften ist mittlerweile sogar noch gestiegen, denn sie werden als besonders seriös und kompetent, insbesondere im Containerbereich, angesehen.“ Die zentrale Frage sei allerdings: Passen die verschiedenen Herangehensweisen und Interessen zusammen? Sind die deutschen Reedereien gewillt, ihre Geschäftsmodelle den Bedürfnissen amerikanischer Investmentgesellschaften anzupassen?
 
US-Investoren verlangen gute Organisationsstrukturen
Bislang hatten es deutsche Reeder vor allem mit passiven Investoren zu tun, die in der Regel ein geringeres Interesse an Transparenz hatten als es bei amerikanischen Private Equity-Gesellschaften zu erwarten ist: „Diese Private Equity-Gesellschaften“, berichtet Dirk Lammerskötter aus seinen Verhandlungen im Auftrag deutscher Reeder, „zeigen sich als aktive, hochprofessionelle und kostenbewusste Investoren, die großen Wert auf ein meist monatliches, klar strukturiertes und ausführliches Reporting legen. Dies setzt gute Organisationsstrukturen bei den Reedereien voraus sowie ein hohes Maß an Transparenz, was die Geschäftszahlen betrifft. Die Renditeerwartungen liegen bei 15 Prozent und mehr und die PE-Gesellschaften erwarten von den Reedereien, dass sie eigenes Kapital investieren – je mehr, desto leichter die Verhandlungen. Private Equity-Gesellschaften sind auch immer Investoren auf Zeit, und sie wollen den Exit-Zeitraum selbst bestimmen. Ein Exit kann neben dem Einzelverkauf von Schiffen oder dem Komplettverkauf der aufgebauten Flotte auch einen Börsengang für die Schiffsgesellschaft bedeuten, wenn diese ausreichend Schiffe umfasst.“
 
Aus Sicht des Corporate Finance-Experten Lammerskötter bedeutet dies für die deutschen Reeder: Sie können die Chance auf neue Eigenkapitalquellen dann nutzen, wenn sie bereit sind, kulturelle Unterschiede zu überwinden und sich auf die Bedürfnisse der amerikanischen Gesellschaften einzustellen. „Die Notwendigkeit“, so Lammerskötter, „neue Modelle zu denken und mit neuen Partnern umzusetzen, wird sich in den nächsten Monaten noch verstärken, und die Verhandlungen, die die HSH Corporate Finance aktuell begleitet, intensivieren sich. Das KG-Modell könnte somit vielfach schon bald durch neue Corporate-Strukturen mit einem aktiven Beirat abgelöst werden.“
 
Über die HSH Corporate Finance:
Die seit dem Jahr 2002 aktive HSH Corporate Finance ist ein international tätiger Financial Advisor und M&A-Berater mit einer klaren Fokussierung auf die Bereiche Schifffahrt, Energie, Immobilien, Gesundheit, Industrie, Ernährungswirtschaft sowie Transport und Logistik. Mit bisher rund 100 erfolgreich abgeschlossenen Transaktionen gehört die unabhängige Tochter der HSH Nordbank zu den etablierten Beratern in den Segmenten Unternehmenskäufe und -verkäufe, Restrukturierung, Debt Advisory und Private Placements. Die HSH Corporate Finance berät sowohl regionale wie nationale als auch international tätige Unternehmen. (Pressemeldung vom 16.08.2011)
Quelle: HSH Corporate Finance
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